Am 13. November 2015 töteten Islamisten in Paris 130 Menschen, im Club

Zwischen Freiheit und Sicherheit

Internationales Forschungsteam untersucht, wie Terrorismus die Atmosphäre in europäischen Städten verändert
Am 13. November 2015 töteten Islamisten in Paris 130 Menschen, im Club "Bataclan" gab es 90 Tote.
Foto: Simon Runkel /Universität Jena
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Meldung vom: 19. Januar 2021, 10:28 Uhr | Verfasser/in: Claudia Hilbert | Zur Original-Meldung

Wie erleben die Bewohnerinnen und Bewohner europäischer Städte die Bedrohung durch Terrorismus? Wie verändern Anti-Terrormaßnahmen ihre Gefühle und Stimmungen und welche Auswirkungen hat das auf das gesellschaftliche Zusammenleben? Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein kürzlich gestartetes internationales Forschungsprojekt, an dem die Friedrich-Schiller-Universität Jena beteiligt ist. Die weiteren Partner des Projektes „Atmospheres of (Counter)Terror in European Cities“ sind die Universitäten Birmingham und Plymouth in Großbritannien sowie die Universität Cergy-Pontoise und das L'Institut Paris Region in Frankreich. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der britische Economic and Social Research Council (ESRC) und die französische Agence Nationale de la Recherche (ANR) fördern das Vorhaben in den kommenden drei Jahren mit insgesamt rund 1,2 Millionen Euro. Die Universität Jena wird mit rund 290.000 Euro gefördert.

In Europa gibt es im Vergleich zu anderen Weltregionen zwar nur wenige terroristische Anschläge. Dennoch ist Terrorismus unabhängig von den jeweiligen Motiven für die liberalen Gesellschaften in Europa eine reelle Bedrohung – wie etwa das Attentat auf eine Synagoge in Halle (Saale) im Oktober 2019 oder die Anschläge in Dresden, Paris, Nizza und Wien im Herbst 2020 und die sicherheitspolitischen Antworten darauf zeigten. Dabei hat sich der Terrorismus in den vergangenen Jahren gewandelt: Es gibt weniger große, koordinierte Attentate auf symbolische Orte, sondern zunehmend kleinere Anschläge von Einzeltätern. Im Visier sind immer häufiger Orte wie Einkaufspromenaden, Veranstaltungen oder Cafés. „Der Terrorismus trifft damit mitten ins städtische Leben, er ist alltäglicher geworden“, sagt Prof. Dr. Simon Runkel, Juniorprofessor für Sozialgeographie an der Universität Jena. Um die öffentlichen Plätze und Straßen zu schützen, werden zum Beispiel mehr Überwachungskameras installiert und Betonblöcke als Barrieren aufgebaut. Doch solche Anti-Terrormaßnahmen verändern öffentliche Räume nicht nur in physisch-materieller Hinsicht. „Unsere These ist“, so Simon Runkel, „dass sich die Atmosphären und die Begegnungen im öffentlichen Raum in einem tiefgreifenden Wandel befinden.“

Atmosphäre als räumliches Phänomen

Genau um diese atmosphärischen Veränderungen geht es dem Jenaer Sozialgeographen und seinen Partnern in dem neuen Forschungsvorhaben. Das Wissenschaftsteam interessiert sich für die sozialen Folgen von Anti-Terrormaßnahmen und nimmt dabei die individuellen sowie kollektiven Emotionen und Stimmungen der Einwohnerinnen und Einwohner in den Blick. Die Forschenden nutzen dabei das innovative Konzept der Atmosphäre – einen Begriff, der nicht nur ein individuelles Empfinden ausdrückt, sondern auch ein räumliches Phänomen beschreibt. Als Beispiel nennt Simon Runkel den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche im Dezember 2016: „Wir wollen verstehen lernen, wie eine solche Erfahrung die Atmosphäre dieses Ortes ändert, ob die Menschen diesen öffentlichen Raum anders wahrnehmen, ob sich ihr Sicherheitsempfinden ändert, sie misstrauischer werden und sie als Folge beispielsweise Weihnachtsmärkte oder andere Menschenansammlungen meiden“, sagt Prof. Runkel.

Das Projekt umfasst eine umfangreiche repräsentative Befragung von Menschen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Ergänzend wird die Forschungsgruppe fünf europäische Städte – Berlin, Birmingham, Nizza, Paris und Plymouth – mittels qualitativer Forschungsmethoden eingehend untersuchen: Dazu gehören unter anderem Vor-Ort-Besuche, Beobachtungen und Interviews mit verschiedenen Fokus- sowie Interessensgruppen wie etwa Sicherheitsunternehmen und Stadtplanungsbehörden. „Alle fünf Städte sind bereits Ziel eines terroristischen Anschlags geworden. Doch in jeder Stadt sind die Menschen anders mit der traumatischen Terrorerfahrung umgegangen, die Anti-Terror-Maßnahmen betreffen nicht alle Bürgerinnen und Bürger gleich und auch die Bedrohungslage in diesen Städten ist unterschiedlich“, sagt Prof. Runkel. Das Projekt ermöglicht damit auf besondere Weise einen internationalen Vergleich darüber, wie der Kampf gegen Terrorismus die individuellen und gesellschaftlichen Erfahrungen und Stimmungen beeinflusst. Schließlich seien Anti-Terror-Maßnahmen immer auch gesellschaftskritisch vor dem Hintergrund der Spannung zwischen Sicherheit und Freiheit in Europa zu betrachten, so der Sozialgeograph.

Anknüpfend an vorangegangene Forschungen wird das Jenaer Team um Simon Runkel vor allem untersuchen, wie Politik und Stadtplanung mit großen Menschenmengen, sogenannten Crowds, umgehen. Schwerpunkt des französischen Teilprojektes sind die Auswirkungen von Terrorgefahr und Anti-Terrormaßnahmen auf die Mobilität innerhalb einer Stadt. Die Partner in Großbritannien werden sich mit den sozialen Unterschieden zwischen verschiedenen Stadtvierteln, Gruppen und Milieus beschäftigen.

Information

Twitter-Seite des Projektes: https://twitter.com/AtmoCT

Kontakt:

Simon Runkel, Juniorprof. Dr.
Simon Runkel
Telefon
+49 3641 9-48848
Sprechzeiten:
Mittwoch 11-12 Uhr in Raum 230 und nach Vereinbarung
Raum 229
Löbdergraben 32
07743 Jena
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